Mein Körper ist kein öffentlicher Raum

Es gibt Momente, in denen sich der eigene Körper nicht wirklich falsch anfühlt und trotzdem nicht ganz wie Zuhause. Momente, in denen man ihn nicht zeigen möchte. Dabei geht es jedoch nicht um „zu dick“, „zu alt“ oder „nicht schön genug“, sondern darum, dass sich allein der Gedanke unerträglich anfühlt, dass andere Menschen überhaupt etwas über ihn denken könnten. Und dabei geht es nicht einmal nur um negative Bewertungen. Manchmal möchte man auch keine positiven Kommentare hören. Keine Begehrtheit. Kein „Du siehst doch gut aus“. Keine Blicke. Keine Einordnung. Einfach Ruhe.
Ich merke immer mehr, dass mich gar nicht in erster Linie stört, was andere Menschen denken könnten. Mich stört die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen glauben, sie hätten überhaupt Zugriff auf den Körper anderer. Als wäre ein Körper automatisch eine soziale Oberfläche. Etwas, das gelesen, bewertet, kommentiert oder begehrt werden darf, sobald es sichtbar wird.
Besonders weibliche Körper scheinen ständig in Beziehung zu Erwartungen zu stehen. Sie sollen attraktiv sein, aber nicht zu sexualisiert. Gepflegt, aber nicht eitel. Natürlich, aber möglichst makellos. Und irgendwo dazwischen versuchen Menschen noch herauszufinden, wie sie eigentlich selbst zu ihrem Körper stehen. Kein Wunder, dass viele irgendwann müde werden.
Denn der Körper ist nicht nur eine Hülle. Er trägt Geschichte. Erfahrungen. Veränderungen. Unsicherheiten. Und manchmal eben auch Phasen, in denen man selbst noch gar nicht weiß, wie man gerade mit ihm umgehen soll. Genau dann kann jeder Blick von außen zu viel werden. Nicht, weil andere Menschen grundsätzlich schlechte Absichten hätten, sondern weil der eigene innere Bezug noch nicht stabil genug ist, um all diese Wahrnehmungen mitzutragen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, der so selten ausgesprochen wird: Es gibt Phasen, in denen man den eigenen Körper nicht teilen möchte. Nicht als Bild. Nicht als Projektionsfläche. Nicht als Objekt von Begehren. Und das hat nichts mit Prüderie zu tun. Auch nichts mit fehlender Offenheit oder mangelnder Freiheit. Es ist eher das Bedürfnis, den eigenen Körper erst einmal aus all dem gesellschaftlichen Lärm herauszunehmen, um wieder selbst spüren zu können, wie es sich eigentlich anfühlt, in ihm zu leben.
Ich empfinde es inzwischen fast als übergriffig, wie selbstverständlich Körper kommentiert werden. Wie schnell Menschen glauben, Attraktivität gäbe ihnen ein Recht auf Zugang. Dabei ist ein Körper kein öffentlicher Raum. Er ist kein Schauplatz, auf dem andere Menschen ihre Vorstellungen von Schönheit, Wert oder Begehren austragen dürfen. Und nur weil jemand sichtbar ist, bedeutet das noch lange nicht, dass dieser Mensch betrachtet, bewertet oder berührt werden möchte.
Gerade darin liegt für mich inzwischen auch etwas sehr Würdevolles: zu sagen, dass mein Körper mir gehört, selbst dann, wenn ich gerade mit ihm hadere. Selbst dann, wenn ich ihn nicht immer schön finde. Selbst dann, wenn ich mich in ihm manchmal fremd fühle. Ich muss ihn nicht permanent präsentieren, damit er Daseinsberechtigung hat. Und ich muss mich auch nicht dazu zwingen, mich „einfach zu zeigen“, nur weil Selbstbewusstsein heute oft mit maximaler Sichtbarkeit verwechselt wird.
Der Körper ist für mich nicht der Mittelpunkt menschlichen Wertes. Er ist ein Vehikel. Etwas, das mich durchs Leben trägt. Etwas, das fühlen, erleben, arbeiten, lachen, trauern und lieben kann. Beziehung entsteht nicht dadurch, dass ein Körper perfekt genug ist, um betrachtet zu werden. Und kein Mensch hat automatisch das Recht, Teil dieses sehr persönlichen Raumes zu werden.
Vielleicht beginnt Frieden mit dem eigenen Körper auch nicht mit Selbstliebe. Vielleicht beginnt er viel früher. Mit dem Gefühl, selbst entscheiden zu dürfen, wann Sichtbarkeit sich sicher anfühlt. Wann Nähe willkommen ist. Und wann eben nicht.
Mein Körper. Meine Grenzen. Meine Entscheidung.




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