Ein Gespräch mit der Sehnsucht
- katjawelters

- 1. Feb.
- 2 Min. Lesezeit

Sehnsucht:
Warum bist du plötzlich so still?
Ich:
Weil du laut geworden bist.
Sehnsucht:
Ich war doch schon immer da.
Ich:
Ja. Aber bisher warst du ruhig.
Du warst Teil meines Lebens, nicht dessen Mittelpunkt.
Sehnsucht:
Und jetzt?
Ich:
Jetzt wurdest du aktiviert.
Du hast ein Gesicht bekommen.
Eine Richtung.
Vielleicht sogar einen Namen.
Sehnsucht:
Ist das nicht gut?
Endlich weißt du, wonach du dich sehnst.
Ich:
Ich wusste es auch vorher.
Aber ohne Druck.
Ohne Illusion.
Sehnsucht:
Warum fühlst du dich dann so unruhig?
Ich:
Weil ich plötzlich denke, ich müsste handeln.
Suchen. Reagieren.
Als wärst du ein Auftrag.
Sehnsucht:
Bin ich das nicht?
Ich:
Nein.
Du bist ein Zustand, kein Befehl.
Sehnsucht:
Aber ich melde mich doch nicht grundlos.
Ich:
Nein.
Du meldest dich, weil etwas berührt wurde – nicht, weil etwas fehlt.
Sehnsucht:
Und dieser Kontakt?
Ich:
Ja, er hat dich geweckt, aber nicht gehalten.
Er war intensiv genug, um dich spürbar zu machen,
und zu vage, um dir Raum zu geben.
Sehnsucht:
Das klingt nach Enttäuschung.
Ich:
Vielleicht.
Oder nach dem Ende einer Illusion.
Sehnsucht:
Welche Illusion?
Ich:
Dass Nähe auch dann nährt, wenn sie keine Form hat.
Dass Intensität reicht.
Dass jemand in der Tür stehen bleiben kann,
ohne dass es auf Dauer schmerzt.
Sehnsucht:
Was willst du jetzt mit mir machen?
Ich:
Nichts.
Du darfst bleiben.
Du darfst laut sein.
Du darfst unerfüllt sein.
Sehnsucht:
Und was dann?
Ich:
Du wirst wieder weiter werden.
Still.
Teil von mir – nicht mein Motor.
Sehnsucht:
Und wenn ich wieder unruhig werde?
Ich:
Dann höre ich dir zu.
Aber ich renne nicht los.
Sehnsucht:
Du hast keine Angst, dass du etwas verpasst?
Ich:
Doch.
Aber weniger Angst als davor, mich selbst zu verlieren.
Sehnsucht:
Also wartest du?
Ich:
Ich lebe.
Und wenn sich etwas von selbst aus mir heraus bewegen will,
dann gehe ich.
Sehnsucht:
Und bis dahin?
Ich:
Darfst du da sein.
Ohne Ziel.
Ohne Adresse.



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