Sind wir nicht alle ein kleines bisschen Garten?
- katjawelters

- vor 3 Tagen
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Ich spiele schon seit ca. einem Jahr mit dem Gedanken, meinen Garten neu zu gestalten. Doch vielleicht hat das Ganze bereits damit angefangen, dass ich über die letzten Jahre immer mal hier und da kleine Dinge verändert habe. Eine neue Pflanze hier, ein Bäumchen dort. Die Folge: Irgendwie ist er nicht mehr stimmig. Damit meine ich nicht, dass er einen bestimmten Stil haben sollte oder alles akkurat angepflanzt sein müsste, doch zwischen Alt und Neu fühlt es sich, wenn ich meinen Blick auf ihn richte, nicht mehr nach mir an.
Und ist es nicht genau das, was auch in unserem Leben manchmal geschieht? Wir sammeln, verändern, entrümpeln – emotional, intellektuell und strategisch – oft gesteuert durch äußere Umstände und vielleicht auch durch Impulse. Irgendwann merken wir dann genau das, was ich in der letzten Zeit bei meinem Garten gespürt habe: Das passt nicht mehr. Dabei ist dieses „das“ gar nicht wirklich greifbar.
Beim Garten habe ich heute gesagt: Jetzt nehme ich mich der Sache an. Und der lebensfrohe Teil in mir hätte am liebsten sofort bunte Blumen überall. Doch funktioniert das?
Es ist Ende Januar, und so groß der Wunsch nach Frische und Farbe in mir auch sein mag – es ist einfach nicht der richtige Moment. Alles zu seiner Zeit.
Und auch hier finde ich es spannend, wie sehr wir uns bei einem Gefühl der Unstimmigkeit wünschen, dass alles sofort anders, lebensfroh und leicht sein soll. Doch wie schon gesagt: alles zu seiner Zeit. Und bevor ich in meinem Garten – oder auch bei einer Veränderung meiner selbst – dieses Gefühl verspüre, braucht es vermutlich noch ein paar andere Schritte.
Ich habe kurz überlegt, einen Plan zu machen. Doch davon habe ich bereits zehn, und sie haben mir sicherlich geholfen, eine grobe Idee davon zu entwickeln, wo es hingehen soll. Doch nun ist es einfach an der Zeit, mit der „Arbeit“ zu beginnen. Also: umgraben.
Auch hier finde ich es passend, den Menschen mit einem Garten zu vergleichen.
So wie es Gärten gibt, die von Beginn an angelegt, gepflegt, gedüngt, beobachtet und gegossen wurden, gibt es sicherlich auch Menschen, die Liebe, Wertschätzung und Halt erfahren haben. Das ist eine gute Voraussetzung – ich bleibe beim Garten – nicht alles herausreißen zu müssen. Doch egal, wie ein Garten bisher gewachsen ist, oder wie wir eben bisher gewachsen sind: Es kommt der Moment, in dem vielleicht die ein oder andere Pflanze weichen muss, um Raum für eine andere zu schaffen. Oder eine neue kommt hinzu, um das Farbspiel zu verändern.
Und manchmal, da ist es vielleicht auch hilfreich oder notwendig, erst einmal zu graben.
Wenn wir immer nur „oben drauf oder dazwischen pflanzen“, fehlen dem Boden irgendwann die Nährstoffe – oder der Pflanze der Platz. Und manchmal fördern Pflanzen auch nicht das gegenseitige Wachstum.
So wie der Eukalyptus, der durch seine ätherischen Öle es anderen Pflanzen schwer macht, in seiner Nähe zu gedeihen, gibt es in unserem Umfeld vielleicht noch nicht die richtigen Menschen, die uns dabei unterstützen, unser volles Potenzial zu leben.
Also umgraben!
Schauen, was unter der Oberfläche liegt.
Das ist zunächst vielleicht nicht der schöne Anblick den wir uns vorgestellt haben und wünschen, und es ist vor allem mühsam. Gleichzeitig ist es ein sehr befreiendes Gefühl, Raum zu schaffen und die Grundlagen besser zu verstehen – ob nun im Garten oder in unserem Inneren.
Es sind kleine Schritte.
Pausen.
Anschauen.
Abstand nehmen und aus einer Art Metaebene betrachten, was das derzeitige Bild mit etwas Entfernung bedeutet.
Das Umgraben wird noch etwas dauern. Und es wird vielleicht auch nicht leichter mit der fortschreitenden Zeit, denn jeder Spatenstich kostet uns Kraft. Doch es schafft Raum für Neues.
Schließlich kann die Erde ruhen, atmen und einfach ein bisschen sein, ohne dass aus ihr sofort etwas entstehen muss.
Und mit den ersten warmen Sonnenstrahlen wird gedüngt, gesät und gepflanzt, sodass schließlich das wachsen kann, was heute passender ist. Auch das braucht Zeit, Liebe, Pflege und manchmal vielleicht auch kleine Anpassungen. Doch mit Geduld und Fürsorge – ob für den Garten oder für uns selbst – kann ein völlig neues Bild entstehen.
So wie der Garten brauchen vielleicht auch wir stetige Aufmerksamkeit und Pflege. Doch ob es nun Farben, Früchte, Gemüse oder Leichtigkeit, Glück und Ruhe sind: Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich diese Arbeit in beiden Fällen absolut lohnt.



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