Leicht gesagt …
- katjawelters

- 27. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Es gibt gut gemeinte Sätze und einer, der mich heute beschäftigt, ist:
„Sei doch einfach du selbst!“
Er ist wahr – und er klingt so leicht. Und doch trifft dieses „du selbst“ manchmal auf ein Umfeld, das zu sagen scheint: „So bist du hier nicht (mehr) okay.“
Was der Satz meint, ist eigentlich etwas Wichtiges: das Leben so zu gestalten, dass es stimmig ist für die eigene Person. Dem würde ich grundsätzlich zustimmen. Doch neben dem Gefühl von möglicher Freiheit kann genau damit auch viel Angst verbunden sein.
Denn was, wenn meine Familie oder meine Freund*innen genau diese für mich stimmige Version nicht akzeptieren? Was, wenn ich dann nicht mehr geliebt werde? Was, wenn Zugehörigkeit verloren geht?
Bin ich bereit, dieses Risiko einzugehen und den Preis dafür zu zahlen?
Zugehörigkeit ist ein tiefes menschliches Bedürfnis. Anpassung ist deshalb keine Feigheit, sondern ein Schutzmechanismus. Und genau das macht die Entscheidung, eine nicht ganz stimmige Version seiner selbst zu leben, so unglaublich nachvollziehbar.
Problematisch wird es dort, wo Anpassung dauerhaft das eigene Selbst verdrängt. Wenn wir unseren eigenen Werten nicht folgen. Sei es in Bezug auf die eigene Sexualität, Lebensentwürfe, Kinder, Partnerschaft oder andere zentrale Fragen.
Dann entsteht eine Art Schauspiel. Und dieses Schauspiel hat oft einen hohen Preis: eine Zugehörigkeit zu etwas, das sich nicht wie das eigene Leben anfühlt. Erschöpfung. Und das Gefühl, „nicht wirklich da zu sein“.
Kein richtig oder Falsch. Kein gut oder schlecht. Eher eine Frage nach der Richtung die wir gehen möchten.
Was hilft jetzt?
Authentisch zu werden ist kein einzelner mutiger Akt. Es ist ein Prozess – und er beginnt im Inneren. Es bedeutet nicht, sofort alles herauszuposaunen und damit alles zu riskieren, was bisher Sicherheit gegeben hat.
Es bedeutet zunächst, sich selbst innerlich ernst zu nehmen. Ehrliche Worte für sich zu finden. Vielleicht kleine, sichere Räume, in denen Authentizität möglich ist. Klarheit.
All das schützt nicht immer vor Verlust. Denn so sehr wir uns wünschen, für unser stimmiges Selbst akzeptiert zu werden, gilt genau dieses Recht auch für die Menschen in unserem Umfeld. Und dort endet unser Einfluss.
Das kann weh tun.
Doch Verlust findet in solchen Prozessen selten nur auf einer Seite statt. Auch die anderen verlieren etwas: eine vertraute Vorstellung, ein Bild, eine Sicherheit. Das macht den Schmerz nicht kleiner – aber vielleicht ordnet es ihn ein.
Verlust ist nicht immer ein Zeichen von Scheitern. Manchmal ist er der Preis dafür, sich selbst nicht zu verlieren. Doch oft fällt es uns leichter, anderen mehr Wert zu geben als uns selbst – besonders dann, wenn wir unsere eigene authentische, einzigartige Version gerade erst kennenlernen. Das Neue macht Angst. Und dem Vertrauten zu „verfallen“ ist häufig der leichtere Weg.
Manche Beziehungen verändern sich.
Manche halten mehr aus, als wir denken.
Und manche nicht.
Aber das eigene Leben dauerhaft zu verleugnen, ist ein hoher Preis und vielleicht kein tragfähiger Weg.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, mutig genug zu sein, alles zu zeigen, sondern liebevoll genug, sich selbst nicht länger zu verlassen.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues: bei den Menschen, die uns für das sehen, was wir wirklich sind – oder sein möchten. Die uns beim möglichen Schmerz den Rücken stärken.
Das nimmt den Verlust nicht weg. Aber wir müssen ihn nicht mehr allein tragen.



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