„An sich eigentlich schon.“
- katjawelters

- 20. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Heute Morgen bin ich mit Mia unsere übliche Runde gegangen.
Wer regelmäßig mit seinem Hund unterwegs ist, kennt das: Irgendwann begegnet man immer denselben Menschen. Manche werden zu Bekannten, manche zu Freunden – meistens erst einmal die Hunde, manchmal auch ihre Halter. Heute trafen wir eine von Mias Hundefreundinnen.
Ihr Halter saß mit ihr auf einer Bank. Ich wusste schon von früheren Begegnungen, dass sie dort manchmal eine Übung machen: Der Hund soll sich ablegen und erst weitergehen, wenn er wirklich zur Ruhe gekommen ist. Eine schöne Übung, finde ich.
Als wir uns das erste Mal begegneten, blieb ich kurz stehen. Die Hunde begrüßten sich, die Ruhephase war damit natürlich erst einmal vorbei. Hinterher dachte ich: Eigentlich hätte ich vorher fragen können.
Schließlich gingen Mia und ich weiter. Eine gute halbe Stunde durch Wald und Feld.
Als wir zurückkamen, saßen die beiden immer noch dort. Ich musste lächeln. Nicht, weil ich die Situation lustig fand, sondern weil sie zeigte, wie geduldig dieser Mensch war.
Diesmal wollte ich es anders machen.
Schon von Weitem fragte ich:
„Soll ich einfach weitergehen?“
Seine Antwort lautete:
„An sich eigentlich schon.“
Ein Satz, über den ich den restlichen Spaziergang nachgedacht habe.
Denn was bedeutet eigentlich „An sich eigentlich schon“?
War das ein klares Ja?
Ein höfliches Vielleicht?
Ein unausgesprochenes „Bitte geh weiter, sonst sitzen wir hier noch eine Stunde“?
Oder eher ein „Eigentlich hätte ich nichts dagegen, wenn die Hunde jetzt kurz spielen würden.“?
Ich weiß es nicht.
Und genau das ist der Punkt.
Plötzlich lag die Entscheidung bei mir, obwohl ich gar nicht wusste, was der andere wirklich wollte. Ich entschied mich weiterzugehen. Vielleicht war das genau richtig. Vielleicht auch nicht. Mit dieser Unsicherheit werde ich leben müssen.
Mich beschäftigt seitdem weniger diese konkrete Begegnung als etwas viel Grundsätzlicheres.
Wie oft sprechen wir Bedürfnisse nur halb aus?
Wie oft sagen wir Dinge wie:
„Eigentlich schon.“
„Wenn du möchtest.“
„Mir ist das egal.“
„Musst du wissen.“
Dabei steckt hinter diesen Sätzen häufig doch etwas.
Ein Wunsch.
Eine Sorge.
Eine Hoffnung.
Oder vielleicht einfach zwei Bedürfnisse, die sich gerade nicht einig sind.
Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr fragte ich mich, ob in diesem Moment eben gar nicht nur ein Bedürfnis gesprochen hat. Vielleicht wollte ein Teil von ihm die Übung konsequent zu Ende bringen. Ein anderer Teil hätte den Hunden vielleicht gerne den gemeinsamen Moment gegönnt. Wer kennt das nicht?
Auch in uns selbst gibt es oft mehrere Stimmen.
Mehrere Bedürfnisse.
Mehrere gute Gründe.
Nicht immer sind sie sich einig.
Und nicht immer haben wir die Zeit, das in Ruhe zu sortieren.
Dabei geht es mir gar nicht darum, dass jemand richtig oder falsch kommuniziert hat.
Ich glaube sogar, dass wir das alle tun. Wir sprechen manchmal unklar. Wir wägen ab.
Wir geben Entscheidungen ein Stück weit an unser Gegenüber ab.
Und genauso treffen wir Entscheidungen für andere, weil wir versuchen zu erraten, was sie wohl brauchen.
Das gehört zum Menschsein.
Mich interessiert eine andere Frage:
Wer trägt in solchen Momenten eigentlich welche Verantwortung?
Wann überlasse ich meinem Gegenüber die Entscheidung?
Und wann nehme ich sie ungefragt an mich?
Nicht, weil das falsch wäre. Sondern weil es spannend ist, das einmal zu beobachten.
Vielleicht steckt hinter meiner Entscheidung der Wunsch, niemandem lästig zu sein.
Vielleicht wollte ich seine Übung respektieren.
Vielleicht habe ich einfach vermutet, dass das für ihn die bessere Lösung wäre.
Dabei hatte ich eigentlich selbst einen anderen Wunsch.
Ich hätte Mia gerne noch zehn Minuten mit ihrer Hundefreundin über die Wiese flitzen lassen.
Stattdessen habe ich mich für das entschieden, was ich für den anderen als stimmig empfand.
Ob das wirklich so war? Ich weiß es nicht. Und vielleicht werde ich es auch nie erfahren.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich diese kleine Begegnung so beschäftigt hat.
Denn hier ging es nur um einen Spaziergang.
Egal, wie ich mich entschieden hätte – die Konsequenzen wären überschaubar gewesen.
Aber dieselbe Art zu kommunizieren begegnet uns auch an ganz anderen Stellen.
Zum Beispiel in einer Partnerschaft.
Auf Fragen wie:
„Liebst du mich noch?“
„Möchtest du dich trennen?“
„Ist das wirklich das, was du willst?“
Wenn die Antwort dann lautet:
„An sich eigentlich schon.“
…wird aus einer kleinen sprachlichen Unschärfe plötzlich etwas sehr Bedeutungsvolles.
Denn dann reagieren wir oft nicht auf das, was der andere tatsächlich gesagt hat. Sondern auf das, was wir glauben, zwischen den Zeilen gehört zu haben. Und genau dort wird Kommunikation schwierig. Nicht, weil jemand etwas falsch macht. Sondern weil unsere eigenen Gefühle plötzlich mit am Tisch sitzen.
Während ich heute Morgen relativ gelassen entscheiden konnte, weiterzugehen, ist das in emotional bedeutsamen Beziehungen oft viel schwerer. Dort vermischen sich Hoffnung, Angst, Verletzlichkeit und eigene Erfahrungen mit jedem einzelnen Wort.
Ich glaube deshalb nicht, dass wir anfangen sollten, jeden Satz unseres Gegenübers zu analysieren. Das würde unseren Alltag vermutlich eher komplizierter machen. Aber vielleicht lohnt es sich, wenn eine Begegnung vorbei ist, für einen kurzen Moment innezuhalten.
Nicht mit dem Anspruch, die richtige Antwort zu finden. Sondern mit einer gewissen Neugier.
Warum habe ich eigentlich so entschieden?
Was hat mich dazu bewegt?
Habe ich gerade auf das reagiert, was tatsächlich gesagt wurde?
Oder auf das, was ich vermutet habe?
Vielleicht verändern genau diese Fragen nach und nach unseren Blick auf Begegnungen.
Nicht, weil wir dadurch perfekter kommunizieren. Sondern weil wir bewusster wahrnehmen, wie Entscheidungen entstehen.
Für uns selbst.
Und manchmal auch für andere.
Manchmal lohnt es sich dann, noch einmal nachzufragen. Nicht, weil Kommunikation perfekt sein muss. Sondern weil Beziehungen davon leben, dass wir nicht nur Vermutungen begegnen, sondern einander.



Kommentare