Mein leiser Protest für die Menschlichkeit!
- katjawelters

- 9. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Ich bin gerade wütend.
Nicht, weil Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten weniger verdienen könnten. Sondern weil ich mich frage, welche Botschaft diese politischen Entscheidungen an die Menschen senden, die ohnehin schon kämpfen.
In den vergangenen Monaten wurden mehrere Entscheidungen getroffen, die nach Einschätzung zahlreicher psychotherapeutischer Berufsverbände die ambulante Versorgung gefährden: Honorarkürzungen, Änderungen bei den Vergütungsregelungen und die geplante Streichung der Angemessenheitsprüfung. Begründet wird dies unter anderem mit der finanziellen Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung.
Ich frage mich jedoch: Sparen wir wirklich an der richtigen Stelle?
Wir wissen seit Jahren, dass Menschen oft monatelang auf einen Therapieplatz warten. Wir wissen, dass psychische Erkrankungen zunehmen. Wir wissen, welche persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Folgen unbehandelte Depressionen, Traumafolgen oder Angststörungen haben können.
Und trotzdem entsteht der Eindruck, dass gerade dort gespart wird, wo Menschen Unterstützung brauchen.
Besonders widersprüchlich erscheint mir dabei das Kostenersatzverfahren. Wenn gesetzlich Versicherte trotz intensiver Suche keinen Therapieplatz finden, besteht unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, eine Behandlung in einer Privatpraxis von der Krankenkasse finanzieren zu lassen. Dafür müssen Betroffene – je nach Krankenkasse – häufig zahlreiche Nachweise erbringen, beispielsweise dokumentierte Absagen von Therapeutinnen und Therapeuten, eine ärztliche Abklärung und weitere Unterlagen.
Viele Menschen schaffen das. Viele aber auch nicht.
Gerade diejenigen, die schwer depressiv, traumatisiert oder von starken Ängsten betroffen sind, verfügen oft nicht über die Kraft, sich durch Formulare, Fristen und Anträge zu kämpfen. Ausgerechnet diejenigen, die Hilfe am dringendsten benötigen, scheitern nicht selten bereits am Zugang zum Hilfesystem.
Und selbst wenn das Kostenersatzverfahren bewilligt wird, entstehen häufig höhere Kosten als bei einer regulären Behandlung in einer vertragspsychotherapeutischen Praxis.
Ich frage mich deshalb ernsthaft, ob diese Politik tatsächlich spart – oder ob sie Probleme lediglich verlagert.
Für mich geht es dabei um mehr als Geld.
Es geht um die Frage, welchen Wert psychische Gesundheit in unserer Gesellschaft hat.
Es geht um die Menschen, die morgens trotzdem zur Arbeit gehen, obwohl sie innerlich längst erschöpft sind. Um diejenigen, die ihre Familie versorgen, obwohl sie kaum noch schlafen können. Um Menschen, die nicht laut sind, sondern still leiden.
Ich wünsche mir eine Politik, die psychische Gesundheit nicht nur in Sonntagsreden betont, sondern ihre Bedeutung auch in ihren Entscheidungen zeigt.
Denn am Ende entscheidet sich der Wert einer Gesellschaft nicht daran, wie sie mit den Stärksten umgeht, sondern wie sie diejenigen behandelt, die gerade nicht mehr alleine können.
Während ich diesen Artikel ein zweites Mal lese, merke ich, wie viel es eigentlich noch zu sagen gäbe.
Das Gefühl der Ohnmacht ist etwas kleiner geworden. Vielleicht, weil Worte ihr zumindest ein Stück Form geben. Ganz verschwunden ist es aber nicht.
Was mich heute zudem besonders traurig macht, ist etwas anderes.
Ich halte es für eine meiner wichtigsten Fähigkeiten, Menschen mit Wertschätzung zu begegnen, auch wenn ich ihre Entscheidungen oder ihr Handeln nicht teile. Bedingungslose Akzeptanz ist für mich kein therapeutischer Trick, sondern eine innere Haltung.
Und doch merke ich heute, wie schwer mir genau das fällt.
Wenn ich den Eindruck habe, dass politische Entscheidungen ausgerechnet diejenigen treffen, die ohnehin schon benachteiligt sind, entsteht in mir ein Teil, der zurückschlagen möchte. Der verurteilen möchte. Der Menschen auf die gleiche Weise begegnen möchte, wie ich mich durch diese Entscheidungen behandelt fühle.
Dass es diesen Teil in mir gibt, macht mich nicht stolz.
Aber ihn wahrzunehmen erinnert mich daran, dass auch ich ein Mensch bin.
Vielleicht ist genau das die größte Herausforderung: die eigene Empörung nicht zu verlieren – und sich selbst in seiner Menschlichkeit trotzdem anzunehmen.
Deshalb bleibt mir am Ende nur das, worauf ich tatsächlich Einfluss habe.
Jeden Tag den Menschen, die mir begegnen, mit Respekt zuzuhören. Ihnen einen Raum zu geben, in dem sie sich gesehen fühlen. Und darauf zu vertrauen, dass selbst in einer Zeit, in der vieles spaltet, Begegnung immer noch etwas verändern kann. Vielleicht ist genau das meine Form des Widerspruchs. Nicht lauter zu werden als andere, sondern dort Menschlichkeit zu leben, wo sie gerade verloren zu gehen scheint.
Ich möchte daran glauben, dass in jedem Menschen etwas Gutes steckt. Gerade dann, wenn es schwerfällt.
Und zum ersten Mal, seit ich diese Artikel schreibe, wünsche ich mir, dass dieser Beitrag geteilt wird.
Nicht als Angriff auf eine politische Richtung. Sondern als Zeichen dafür, dass psychische Gesundheit kein Randthema ist. Als Zeichen der Menschlichkeit. Und für all die Menschen, die unter psychischen Belastungen leiden und gerade das Gefühl haben, mit ihrer Not nicht gesehen zu werden.
Vielleicht gibt mir das heute ein kleines Stück von dem zurück, was mir diese Diskussion genommen hat: das Gefühl, wieder wirksam zu sein.



Du sprichst mir aus dem Herzen. Danke für diesen Beitrag!