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Das bin ich!

16. Aug.
4 Min. Lesezeit

Wenn Wut sichtbar macht, was uns wichtig ist



Nichts ahnend schlendere ich durch die Weiten des World Wide Web und treffe auf ein Foto von mir. Es zeigt mich in einem professionellen Kontext – allerdings irgendwie anders, als ich mich in Erinnerung habe.


Ich schaue genauer hin und stelle fest: Das Foto wurde offenbar mithilfe von KI bearbeitet. Nicht von mir. Und auch nicht mit meinem Einverständnis.


Im ersten Moment bin ich vor allem verwundert. Ich muss sogar lachen. Vielleicht auch deshalb, weil ich zunächst gar nicht richtig greifen kann, was mich an diesem Bild irritiert. Ich bin noch zu erkennen. Es ist kein vollkommen anderer Mensch daraus geworden. Und doch stimmt etwas nicht.


Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher spüre ich eine Art Störfrequenz in meinem Kopf. Etwas in mir sagt immer wieder: Das passt nicht zusammen.


Dabei geht es mir gar nicht vorrangig darum, ob die Bearbeitung gelungen ist oder ob ich auf dem Bild vorteilhafter oder weniger vorteilhaft aussehe. Auch nicht darum, welche Absicht hinter der Veränderung stand. Vielleicht sollte das Bild lediglich optimiert, vereinheitlicht oder an einen bestimmten ästhetischen Rahmen angepasst werden.


Die entscheidende Frage ist für mich eine andere: Was für einen Eindruck erhält ein Mensch, der dieses Bild von mir sieht?


Wenn das äußere Bild nicht zur inneren Haltung passt

Ich arbeite und unterrichte auf Grundlage des personzentrierten Ansatzes. Akzeptanz und Kongruenz sind für mich deshalb nicht nur Inhalte, die ich vermittle. Sie bilden einen wesentlichen Teil meines professionellen und auch meines menschlichen Selbstverständnisses.


In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, zu erforschen, wer sie sind, wie sie sind und was sie brauchen. Es geht darum, sich der eigenen Person zuzuwenden – nicht nur den vermeintlich richtigen, schönen oder erwünschten Anteilen, sondern möglichst allem, was da ist. Daraus kann nach und nach ein freundlicherer und akzeptierenderer Umgang mit sich selbst entstehen.

Und nun steht dort ein verändertes Bild von mir.


Vermittle ich meinen Klientinnen und Klienten, dass sie sich selbst kennenlernen und in ihrem So-Sein annehmen dürfen – während ich mich selbst offenbar nur in einer optimierten Version zeigen möchte? Erzähle ich von Echtheit und Akzeptanz, kann aber mein eigenes unverändertes Foto nicht stehen lassen?


Doch Moment: Das war ja gar nicht meine Entscheidung.


Ich hatte nicht beschlossen, mich anders darzustellen. Ich war nicht gefragt worden, wie ich auf diesem Foto erscheinen möchte. Trotzdem entstand nach außen ein Bild von mir, das möglicherweise etwas über mich vermittelt, wofür ich selbst gar nicht stehe.

Genau an diesem Punkt wurde aus meiner anfänglichen Irritation Wut.


Worauf bin ich eigentlich wütend?

Ich fühlte mich übergangen. Die Veränderung brachte für mich ein Gefühl von Bewertung mit sich: So, wie das Bild ursprünglich war, war es offenbar nicht passend genug. Irgendetwas musste verändert werden.


Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass darin etwas Wesentliches meiner professionellen Haltung nicht erkannt wurde. Nicht nur mein Aussehen war verändert worden. Die Veränderung berührte die Frage, wie ich mich in einem beruflichen Zusammenhang zeige und wofür ich dort stehen möchte.


Und ich war wütend.

Ich bin es, ehrlich gesagt, noch immer ein Stück weit – obwohl ich zunächst gar nicht genau sagen konnte, worauf eigentlich. Auf die Bearbeitung selbst? Darauf, nicht gefragt worden zu sein? Auf die darin empfundene Bewertung? Oder darauf, dass ein Bild von mir veröffentlicht wurde, das nicht mit meinem Selbstverständnis übereinstimmt?


Vielleicht auf alles ein bisschen.


Gerade diese zunächst noch unklare Wut finde ich inzwischen spannend. Denn möglicherweise besteht ihre Aufgabe gar nicht darin, mir sofort eine fertige Erklärung zu liefern. Vielleicht sagt sie zunächst nur:

Hier stimmt etwas für dich nicht.

Schau hin.

Hier wurde etwas berührt, das dir wichtig ist.


Wut ist nicht automatisch ein Auftrag zum Angriff

Wut wird schnell als unangenehm oder problematisch erlebt. Wir versuchen, sie zu beruhigen, zu kontrollieren oder möglichst rasch wieder loszuwerden. Vielleicht schämen wir uns sogar für sie – besonders dann, wenn der Anlass von außen betrachtet klein erscheint.

„Es ist doch nur ein Foto.“


Ja, vielleicht. Und trotzdem hat dieses Foto etwas berührt.

Unsere Gefühle richten sich nicht danach, ob ein Anlass von außen groß genug erscheint. Sie reagieren auf die Bedeutung, die eine Situation für uns besitzt. Meine Wut machte mich darauf aufmerksam, dass es hier nicht nur um einige digital veränderte Bildpunkte ging. Für mich ging es um Selbstbestimmung, um Echtheit und um die Übereinstimmung zwischen meiner äußeren Darstellung und meiner inneren Haltung.


Das bedeutet nicht, dass ich aus meiner Wut heraus einen Streit beginnen oder jemanden angreifen muss. Wut muss nicht laut werden, um ernst genommen zu werden. Sie kann auch zu einer ruhigen und klaren Bewegung führen:

Ich darf hier meine Grenze setzen.

Ich darf sagen, dass etwas für mich nicht in Ordnung ist.

Ich darf für mich einstehen.


Aus einem Gefühl wird eine klare Handlung

Also habe ich um eine Änderung des Bildes gebeten. Ich habe eine erklärende E-Mail geschrieben – nicht mit dem Ziel, jemandem auf die Füße zu treten oder Schuld zu verteilen. Mir war wichtig, verständlich zu machen, warum diese Veränderung für mich nicht stimmig ist.


Im Kern ging es um eine einfache Aussage:

Das bin ich. Das ist meine professionelle Haltung. Und dieses veränderte Bild gehört für mich nicht dazu.


Seitdem ist die Wut nicht einfach vollständig verschwunden. Aber sie fühlt sich anders an. Ich bin ihr nicht ausgeliefert und muss sie auch nicht wegdrücken. Ich habe verstanden, worauf sie mich zumindest teilweise aufmerksam machen wollte, und daraus eine Handlung entstehen lassen, die zu mir passt.

Ich bin für mich eingestanden.

Vielleicht ist das eine der konstruktiven Seiten unserer Wut: Sie fordert uns nicht zwangsläufig dazu auf, gegen jemanden zu kämpfen. Manchmal hilft sie uns vielmehr dabei, uns selbst wiederzufinden. Sie zeigt uns, wo etwas nicht mit unserem Erleben, unseren Werten oder unseren Grenzen übereinstimmt.


Die entscheidende Frage lautet dann vielleicht nicht: Wie werde ich diese Wut möglichst schnell wieder los?

Sondern:

Was möchte meine Wut gerade schützen?

Welche Grenze macht sie für mich sichtbar?

Und wie kann ich für mich einstehen, ohne mich selbst oder mein Gegenüber aus dem Blick zu verlieren?


Nicht jede Wut verlangt nach einer großen Auseinandersetzung. Manchmal braucht sie nur den Moment, in dem wir innehalten, ihr zuhören und schließlich sagen:

Das hier bin ich. Und dafür darf ich einstehen.

 
 
 

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